Definition

Die Kultusministerkonferenz bekämpfte 1978 durch die Abschaffung des Begriffes Legasthenie die Vorstellung, dass diese besonderen Schwierigkeiten eine Art von Krankheit seien, die in die Zuständigkeit von Ärzten falle. In der 1991 von Dilling u.a. herausgegebenen ICD-10, der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeiteten Internationalen Klassifikation psychischer Störungen, wird zwar nicht der Begriff Legasthenie verwendet, aber in Abschnitt F.81 wird als „umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten“ sowohl die „Lese- und Rechtschreibstörung (F81.0)“ als auch die „isolierte Rechtschreibstörung (F81.1)“ aufgeführt und damit als psychische Störung mit Krankheitswert definiert. (MANN 2001, S. 187)

Das Hauptmerkmal dieser Störung ist eine umschriebene und eindeutige Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, durch Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Wörter wiederzuerkennen, vorzulesen und die Leistungen bei Aufgaben, für welche Lesefähigkeit benötigt wird, können sämtlich betroffen sein. Mit Lesestörungen gehen häufig Rechtschreibstörungen einher. Diese persistieren oft bis in die Adoleszenz, auch wenn im Lesen einige Fortschritte gemacht wurden. Kinder mit einer umschriebenen Lese- und Rechtschreibstörung haben in der Vorgeschichte häufig eine umschriebene Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache. Eine sorgfältige Beurteilung der Sprachfunktion deckt oft entsprechende subtile gegenwärtige Probleme auf. Zusätzlich zum schulischen Misserfolg sind mangelhafte Teilnahme am Unterricht und soziale Anpassungsprobleme häufige Komplikationen, besonders in den späteren Hauptschul- und Sekundarschuljahren. Die Störung wird in allen bekannten Sprachen gefunden, jedoch herrscht Unsicherheit darüber, ob ihre Häufigkeit durch die Art der Sprache und die Art der geschriebenen Schrift beeinflusst wird.

Bei der Legasthenie handelt es sich demnach in erster Linie um eine Lesestörung.

Eine isolierte Rechtschreibstörung wird, unter F81.1, gesondert zur Leseschwäche definiert. Das Hauptmerkmal dieser Störung besteht in einer umschriebenen und eindeutigen Beeinträchtigung in der Entwicklung von Rechtschreibfertigkeiten ohne Vorgeschichte einer umschriebenen Lesestörung. Sie ist nicht alleine durch ein zu niedriges Intelligenzalter, durch Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar. Die Fähigkeiten mündlich zu buchstabieren und Wörter korrekt zu schreiben sind beide betroffen.

Es können in einigen Fällen Rechtschreibschwierigkeiten von Schriftproblemen begleitet sein. Anders als bei den umschriebenen Lesestörungen sind die Rechtschreibfehler meist phonetisch akkurat.

Alternativ für den Terminus „Lesestörung“ wird auch der Begriff „Dyslexie“ verwendet, der seinen Ursprung im angloamerikanischen Sprachgebrauch hat, und der auch Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung mit einschließt. (REISINGER 2004, S. 16)

Entsprechend ist Legasthenie/Dyslexia oder auch umschriebene Lese-Rechtschreibschwäche unter Ziffer 315.0 in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten von 1979 – ICD 10 (FIRNHABER 2005, S. 31) – und im Diagnostic und Statistical Manual of Mental Disorders von 1994 – DSM IV (KLICPERA 2013, S. 128) – definiert.

Die Definition der Störung lehnt sich stark an die Definition von Linder an, ohne sich direkt darauf zu berufen. Die umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten darf „nicht direkte Folge anderer Krankheiten (wie Intelligenzminderung, grobe neurologische Defizite, unkorrigierte Seh- oder Hörstörung oder emotionale Störungen)“ sein. Sie ist auch „nicht einfach Folge eines Mangels an Gelegenheit zu lernen, und nicht durch erworbene Hirnschädigung oder Krankheit verursacht.“

Dabei wird explizit auf die Schwierigkeit hingewiesen, dass „es keinen direkten und eindeutigen Weg (gibt), um schulische Schwierigkeiten, die aus einem Mangel an entsprechender Lernerfahrung herrühren, von denen zu unterscheiden, die auf einer individuellen Störung beruhen.“ Trotzdem wird explizit an der Annahme einer krankhaften, im Kinde liegenden Störung festgehalten. In Anlehnung an Lindner wird in der Diagnose eine eindeutige Diskrepanz zwischen dem Intelligenzalter des Kindes und den Lese- bzw. Rechtschreibleistungen gefordert, die deutlich unter den für dieses Intelligenzalter zu erwartenden Leistungen liegen müssen.

Auch was unter normaler Beschulung zu verstehen ist, wird extra definiert, wobei nur die Menge des Fehlens des Kindes und eindeutig unangemessener Unterricht genannt wird. Inhaltliche oder methodische Probleme des Unterrichts werden zwar an anderer Stelle als möglicher verursachender Faktor erwähnt, aber nur in der Extremform reflektiert. Über die Ursachen dieser Störung heißt es: „Man nimmt primär biologische Faktoren an, welche mit nichtbiologischen Faktoren (wie etwa Gelegenheit zum Lernen und Qualität des Unterrichts) zusammenwirken und so die Symptome erzeugen.“

Im ICD 10 werden verschiedene Formen der Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten beschrieben. Bei der Lese- und Rechtschreibstörung (F81.0) ist das Lesenlernen deutlich erschwert. Es sind häufig zusätzliche Schwierigkeiten erkennbar, wie Sprachentwicklungsverzögerung, Schwierigkeiten bei der Informationsverarbeitung akustischer Reize, Defizite in der Sprach-Laut-Unterscheidung oder im akustischen Gedächtnis, zusätzlich oft auch visuelle Probleme. Daneben aber gibt es auch graphomotorische Schwierigkeiten und die psychische Verunsicherung der Kinder. (MANN 2001, S. 188f)