Verschiedene Formen

Die Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb scheinen nahe zu legen, dass alle Kinder und Jugendliche, die beim Lesen und Schreiben zurückbleiben, ein ähnliches Profil an Schwierigkeiten aufweisen. Dies ist irreführend. Die Art der Schwierigkeiten verschiedener Kinder und Jugendlicher ist im Erscheinungsbild keineswegs homogen. Um diese Vielfalt zu ordnen, wurden verschiedene Einteilungen in Untergruppen vorgeschlagen. Ausgehend von dem Profil der Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben und den dabei recht eng zusammenhängenden Fertigkeiten kann man drei Formen von Gruppenbildungen unterscheiden, die in der Folge kurz vorgestellt werden sollen:

+ Unterscheidung zwischen Schwierigkeiten in verschiedenen Teilbereichen des Lesens und Schreibens, also etwa in der Lesesicherheit, der Lesegeschwindigkeit, im Rechtschreiben etc.

+ Unterscheidung zwischen zwei Subtypen von Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben: einem phonologischen und einem orthographischen Subtyp

+ Gruppierung nach anderen Merkmalen als den Leistungen beim Lesen und Schreiben. Dabei wird einerseits auf die Differenzierung zwischen zur Intelligenz diskrepanten und nichtdiskrepanten Schwierigkeiten eingegangen, andererseits auf die Gruppenbildung nach Defiziten in der phonologischen Bewusstheit und im raschen Benennen von Bildern, Zahlen und Farben. (KLICPERA, SCHABMANN, GASTEIGER-KLICPERA 2013, S. 158)

Hier sollen nicht alle Erscheinungsformen im Detail erläutert, sondern dargestellt werden, dass durch die Vielfältigkeit der Manifestationen ebenso eine Vielfältigkeit in der Therapie notwendig ist.

Kinder mit Lese-/Rechtschreibstörungen können keinesfalls „über einen Kamm geschoren“ werden und benötigen, eine genaue Diagnose bzw. Austestung ihres Ist-Standes vorausgehend, eine individuell auf dieses Kind „zugeschneiderte“ Therapie, die weit mehr als ein Training im Lesen und Schreiben beinhalten muss.

Hier ein grober Überblick über mögliche Erscheinungsformen, das Lesen, das Rechtschreiben, Sekundärsymptome und mit der Legasthenie assoziierte Störungen, betreffend:

+ Leseprobleme

Leseprobleme sind gekennzeichnet durch einen oder mehrere der folgenden Punkte:

  • Auslassen, Ersetzen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen
  • Geringe Lesegeschwindigkeit
  • Ersetzen von Wörtern oder Wortteilen durch ein semantisch ähnliches Wort
  • Vertauschen von Wörtern oder von Buchstaben in den Wörtern
  • Verlieren der Zeile im Text
  • Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern
  • Stockendes Lesen von Wort zu Wort oder von Buchstabe zu Buchstabe
  • Mangelndes Leseverständnis (d.h. die Unfähigkeit, aus dem Gelesenen den Sinn zu entnehmen), Unfähigkeit, aus dem Gelesenen Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu sehen . (REISINGER 2004, S. 19)

+ Rechtschreibprobleme

Rechtschreibprobleme sind gekennzeichnet durch einen oder mehrere der folgenden Punkte:

  • Hohe Fehlerzahl bei ungeübten Diktaten
  • Schwierigkeiten beim Abschreiben von Texten
  • Grammatik- und Interpunktionsfehler
  • Ersetzen von Wörtern durch ein semantisch ähnliches Wort
  • Unleserliche Schrift
  • Verdrehung von Buchstaben im Wort (Reversion), z.B. b/d, p/q, u/n
  • Umstellung von Buchstaben im Wort (Reihenfolgefehler), z.B. die/die
  • Auslassung von Buchstaben, z.B. „ach“ statt „auch“
  • Einfügungen falscher Buchstaben, z.B. „Artzt“
  • Dehnungsfehler, z.B. „Zan“ statt „Zahn“
  • Fehler in der Groß- und Kleinschreibung (Regelfehler)
  • Verwechslung von d/t, g/k, v/f (Wahrnehmungsfehler)
  • Fehleränderung: das gleiche Wort wird immer wieder anders geschrieben, dazwischen auch wieder richtig
  • Probleme bei der phonologischen Bewusstheit (REISINGER 2004, S. 18f)

+ Sekundärsymptomatik

Durch das andauernde schulische Versagen kann es zu emotionalen Symptomen kommen, wie zum Beispiel:

  • Schulangst
  • Schulunlust
  • Bauchschmerzen etc., besonders vor Diktaten
  • Einnässen
  • Schulschwänzen
  • Unruhe, Hyperaktivität als Folge der Legasthenie
  • „Klassenkasper“ (REISINGER 2004, S. 19)

+ Assoziierte Störungen, zusätzliche Schwierigkeiten

Menschen mit Lese-Rechtschreibstörungen haben oft noch andere Störungen, die nicht als Folge der Lese-Rechtschreibstörung aufzufassen sind.

Es wurde gezeigt, dass Menschen, die später eine Lese-Rechtschreibstörung entwickeln, bereits vorschulisch eine erhöhte Zahl von Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen (Fergusson und Lynskey 1997).

Häufig berichtet wurden Störungen der rezeptiven und expressiven Sprachentwicklung (Sprachschwierigkeiten):

  • Kinder mit Legasthenie lernen oft später in Sätzen zu sprechen (Entwicklungsverzögerung)
  • Die Laute richtig auszusprechen (Artikulationsstörung)
  • Grammatikalisch richtig zu formulieren (Dysgrammatismus)
  • Die Worte zu finden (Wortfindungsstörung)
  • Das Auswendiglernen von Gedichten fällt schwer (sprachgebundene Gedächtnisschwäche)
  • Das Benennen von Gegenständen, Farben usw. ist verlangsamt (Schwäche des lexikalischen Speichers)

Besonders häufig wurde gezeigt, dass Lese-Rechtschreibstörung zusammen mit Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen einhergeht.

Nicht alle Kinder, die im Vorschulalter Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung oder in der visuomotorischen Entwicklung hatten, werden Lese-Rechtschreibschwierigkeiten haben. Die meisten Kinder werden keine Legasthenie haben. Umgekehrt gilt aber: Wer im Schulalter eine Legasthenie aufweist, hat oder hatte sehr häufig sprachliche oder seltener andere Entwicklungsauffälligkeiten. Auf Aufmerksamkeitsstörungen ist besonders zu achten. (REISINGER 2004, S. 19)